Der Feuervogel in der Grundschule
Eine Weiterführung zu Bernhard Cronenbergs Unterrichtskonzept
Die folgende Umsetzung ist keine eigenständig neu entwickelte Unterrichtsidee, sondern versteht sich ausdrücklich als Weiterführung und Anpassung eines bereits bestehenden Unterrichtskonzepts. Grundlage ist der Unterrichtsentwurf von Bernhard Cronenberg: „Der Feuervogel. Ein Streifzug durch Strawinskys Ballettsuite“, erschienen im mip-Journal 8/2003, S. 54–59.
Cronenbergs Unterrichtskonzept richtet sich ursprünglich an die Klassenstufen 7 bis 9 und stellt das aktive Musikhören in den Mittelpunkt. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich dabei nicht nur hörend mit Strawinskys Ballettsuite „Der Feuervogel“ auseinander, sondern gestalten ihre Höreindrücke sprachlich.
Für die Grundschule bietet dieses Konzept großes Potenzial, braucht jedoch an einigen Stellen eine stärkere Unterstützung und didaktische Entlastung. Gerade jüngere Kinder benötigen häufig zusätzliche Hilfen.
Die hier beschriebene Weiterführung greift drei Stationen aus Cronenbergs Unterrichtskonzept auf und überträgt sie in eine "grundschulgerechtere" Form.
Station 1: Die Geschichte des Feuervogels als Voice-over
In der ersten Station geht es darum, die Handlung des Feuervogels passend zur Musik vorzutragen.
Die Schülerinnen und Schüler hören einen Zusammenschnitt aus Strawinskys „Feuervogel“ und tragen dazu kurze Textabschnitte vor, welche die wichtigsten Handlungsschritte zusammenfassen. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Satz aus der Suite, sondern um eine musikalisch zusammengestellte Kurzfassung, die zentrale Stationen der Geschichte aufgreift.
Der Schwerpunkt liegt nicht nur auf dem bloßen Vorlesen des Textes. Vielmehr sollen die Kinder versuchen, ihre Stimme an die Musik anzupassen. Bedrohliche, geheimnisvolle, ruhige oder spannungsvolle musikalische Abschnitte können sich im sprachlichen Vortrag widerspiegeln. Die Kinder erfahren dadurch, dass Musik Stimmungen erzeugt und dass Sprache diese Stimmungen aufnehmen und verstärken kann.
Für die Grundschule ist diese Aufgabe anspruchsvoll, da viele Kinder Schwierigkeiten haben, einen Text in der nötigen Geschwindigkeit und mit passendem Ausdruck zur Musik vorzutragen. Deshalb bieten sich verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten an.
Eine Möglichkeit besteht darin, dass die Lehrkraft den Text zunächst selbst passend zur Musik vorträgt. Die Kinder erhalten dadurch einen ersten Überblick über die Handlung und erleben zugleich, wie Musik und Sprache miteinander verbunden werden können. (Nachteil: Hier nehmen die Schülerinnen eine passive Rolle ein).
Eine weitere Möglichkeit ist die Vorbereitung des Textes im Deutschunterricht. Dort kann der Text gemeinsam gelesen und geübt werden, sodass die Kinder beim späteren Vortrag sicherer sind. Besonders sinnvoll ist auch ein Vortrag in Lesezügen, bei dem mehrere Kinder kurze Textabschnitte übernehmen.
Da der Feuervogel auf einem Märchen beruht, bietet sich an dieser Stelle eine fächerübergreifende Verbindung zum Deutschunterricht an. Gemeinsam mit den Kindern kann erarbeitet werden, welche Merkmale Märchen auszeichnen und welche typischen Motive im Feuervogel wiederzufinden sind, etwa Zauber, Prüfungen, Verwandlung, Gut und Böse oder eine Rettung am Ende.
Zur Unterstützung dieser Station wurde zusätzlich ein YouTube-Video erstellt. Dieses Video zeigt zu den einzelnen Abschnitten der Geschichte passende Bildimpulse, die KI-gestützt erstellt, ausgewählt und anschließend in iMovie zeitlich passend zur Musik zusammengeschnitten wurden. Ein Signalton zeigt jeweils an, wann ein neuer Textabschnitt beginnt. Dadurch erhalten die Kinder eine zeitliche Orientierung und können den Verlauf der Handlung besser nachvollziehen.
Hier kommst du mit einem Klick zu dem Video ;)
Gerade in der Grundschule kann diese Verbindung aus Musik, Bild und Sprache eine große Hilfe sein. Die Bilder regen die Vorstellungskraft an, strukturieren die Geschichte und unterstützen die Kinder dabei, sich in die jeweilige Situation hineinzuversetzen. Das Video kann daher als Differenzierungsmaterial zur Hörstation genutzt werden. Es kann aber auch unabhängig vom ursprünglichen Unterrichtskonzept eingesetzt werden, wenn die Handlung des Feuervogels zur Musik erzählt werden soll.
Ziel dieser Station ist es, einen kompakten Überblick über die Handlung zu schaffen und zugleich die Verbindung von Musik und sprachlichem Ausdruck erfahrbar zu machen.
Station 2: Die Figurencharakteristik Kastscheis
In der zweiten Station steht die Figur Kastschei im Mittelpunkt. Die Schülerinnen und Schüler hören einen musikalischen Ausschnitt der ersten Takte zur Musik Kastscheis und überlegen, welche Eigenschaften diese Figur haben könnte. Dabei sammeln sie Wörter, Beschreibungen und Adjektive, die anhand der Musik begründet werden.
Für die Grundschule ist es sinnvoll, diese Aufgabe durch zusätzliches Differenzierungsmaterial zu unterstützen. Besonders hilfreich sind dabei Gegensatzpaare, die den Kindern als sprachliche Orientierung dienen. Der Vorteil solcher Gegensatzpaare besteht darin, dass den Kindern nicht von vornherein nur vermeintlich „richtige“ Eigenschaften vorgegeben werden. Statt lediglich einzelne Adjektive wie etwa mächtig, dunkel oder bedrohlich bereitzustellen, regen Gegensatzpaare dazu an, genau hinzuhören und abzuwägen: Wirkt die Figur eher furchteinflößend oder freundlich? Eher schwer oder leicht? Eher bedrohlich oder harmlos? Die Kinder werden dadurch nicht auf eine fertige Lösung festgelegt, sondern dazu angeregt, auf Grundlage ihrer Höreindrücke selbst zu entscheiden und ihre Wahrnehmung zu begründen.
Ergänzend dazu können Bildkarten eingesetzt werden, die eine bildliche Vorstellung von Kastschei anbahnen. Diese Bildimpulse sollen nicht als fertige Lösung verstanden werden, sondern als Gesprächsanlass und Denkhilfe. Kinder können dadurch leichter ins Beschreiben kommen, weil sie nicht nur von der Musik, sondern auch von einem visuellen Impuls ausgehen können. Zugleich bleibt Raum für eigene Vorstellungen: Ein Kind stellt sich Kastschei vielleicht mit dunkler Krone und langem Umhang vor, ein anderes eher in einer anderen Gestalt. Gerade darin liegt der didaktische Wert dieser Bildkarten. Sie regen die Kinder dazu an, weiterzudenken, eigene Bilder im Kopf zu entwickeln und zwischen angebotenen Vorstellungen und eigener Wahrnehmung zu unterscheiden.
Unterstützend kann hierbei auch die Notation einbezogen werden. In der Grundschule bietet sich hier allerdings kein umfassendes analytisches Arbeiten an, sondern ein Notationsvergleich. Die Kinder können unterschiedliche Notenbilder betrachten und dann mit der Notation zu Kastschei vergleichen.
Bspw.: Sind viele kurze Notenwerte zu sehen oder eher längere? Gibt es Bögen? Gibt es Zeichen, die auf Lautstärke oder besondere Spielweisen hinweisen? Fachbegriffe (musikalische Parameter) (wie Tempo, Dynamik oder Klangfarbe) können dabei eingeführt und/oder gemeinsam geklärt werden.
Die gesammelten Wörter werden anschließend nicht einfach nur vorgelesen, sondern handelnd umgesetzt. Die Kinder können zum Beispiel ein Standbild zu Kastschei entwickeln, einen passenden Gang durch den Raum ausprobieren oder die Figur in einem kurzen Schattenspiel darstellen. Dadurch wird jedes Kind aktiv in den Prozess einbezogen. Die musikalischen Eindrücke bleiben nicht nur abstrakte Wörter, sondern werden in Körperhaltung, Bewegung und Ausdruck übersetzt.
Besonders gewinnbringend ist dabei der anschließende Austausch. Die Klasse kann gemeinsam betrachten, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Darstellungen sichtbar werden. Vielleicht bewegen sich viele Kinder langsam, schwer und mächtig. Andere zeigen Kastschei eher schleichend, unheimlich oder angespannt. Entscheidend ist, dass die Kinder ihre Gestaltung begründen. Warum gehst du so langsam? Warum ist deine Körperhaltung so gebeugt? Warum wirkt deine Bewegung so hart? Auf diese Weise werden die musikalischen Parameter wieder mit der Darstellung verbunden.
Eine besonders schöne und niedrigschwellige Möglichkeit ist das Schattenspiel. Dafür kann ein Tuch aufgespannt und dahinter eine Lichtquelle platziert werden. Die Kinder bewegen sich hinter dem Tuch, sodass nur ihre Umrisse sichtbar sind. Gerade für Kinder, die sich beim expressiven Gestalten unsicher fühlen, kann diese Form entlastend sein. Durch den Schatten sind sie nicht vollständig sichtbar und können sich oft freier ausprobieren. Gleichzeitig entsteht eine eindrucksvolle Atmosphäre, die gut zur Figur Kastschei passt.
Ziel dieser Station ist es, eine musikalisch begründete Figurencharakteristik zu entwickeln und diese in Sprache, Bewegung und szenischen Ausdruck zu übertragen.
Station 3: Einen Liedtext zum Wiegenlied schreiben
In der dritten Station setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Wiegenlied aus dem Feuervogel auseinander. Sie hören die Musik und entwickeln dazu einen eigenen kurzen Liedtext. Auch hier steht wieder die Verbindung von Musik und Sprache im Mittelpunkt.
Bevor die Kinder schreiben, sollte das Wiegenlied gemeinsam gehört und besprochen werden. Welche Stimmung entsteht? Klingt die Musik ruhig, sanft, müde, geheimnisvoll oder tröstend? Ist das Tempo langsam oder schnell? Wie bewegt sich die Musik? Welche Wirkung entsteht durch Dynamik, Melodie und Metrum? Die Kinder lernen dadurch, dass ein passender Text nicht beliebig ist, sondern sich an der Musik orientieren sollte.
Für die Grundschule können hierbei sprachliche Hilfen in Form von Wortkarten und Satzanfängen sinnvoll sein. Die Wortkarten bieten den Kindern einen ersten sprachlichen Fundus, auf den sie beim Schreiben zurückgreifen können. Dabei können unterschiedliche Wortarten vertreten sein, etwa Nomen, Verben und Adjektive, die zum Charakter eines Wiegenliedes passen, zum Beispiel Schlaf, Ruhe, Müdigkeit, leise, langsam oder schlafen. Solche Wortkarten helfen besonders den Kindern, die zwar eine Stimmung wahrnehmen, diese aber noch nicht selbstständig in Sprache fassen können.
Zusätzlich können Satzanfänge bereitgestellt werden, die einen ersten Impuls für das Schreiben geben. Gerade für Kinder, denen es schwerfällt, einen Text zu beginnen, können wenige vorgegebene Wörter oder ein angefangener Satz eine wichtige Unterstützung sein. Satzanfänge wie „Leise …“, „Schlaf …“, „Sanft …“ oder „Ganz ruhig …“ eröffnen einen sprachlichen Einstieg, ohne den Kindern bereits den gesamten Text vorzugeben. Sie helfen also nicht dabei, eine fertige Lösung zu liefern, sondern erleichtern den ersten Schritt ins eigene Formulieren.
Nach dem Schreiben stellt sich häufig die Frage, wie die Texte präsentiert werden können. Nicht jedes Kind traut sich, den eigenen Text allein vor der Klasse vorzulesen oder zu singen. Eine gute Alternative ist deshalb das gleichzeitige Sprechen aller Texte zur Musik. Die Kinder hören das Wiegenlied erneut und sprechen ihren eigenen Text leise oder deutlich mit. Dadurch entsteht ein Klangteppich aus verschiedenen Wörtern, Stimmen und Textideen. Einzelne Kinder stehen dabei nicht im Mittelpunkt, und trotzdem trägt jedes Kind den eigenen Text vor.
Diese Methode nimmt den Kindern die Angst vor Bewertung. Wer unsicher ist, darf leiser sprechen. Wer sicherer ist, kann deutlicher mitsprechen. Gleichzeitig entsteht eine besondere gemeinsame Atmosphäre, die gut zum Charakter des Wiegenliedes passt.
Ziel dieser Station ist es, die Stimmung der Musik wahrzunehmen, sprachlich zu deuten und in einen eigenen Text zu übertragen. Die Kinder erfahren, dass Musik eine sprachliche Vorstellung anregen kann und dass ein Text durch Tempo, Klang und Ausdruck zur Musik passen muss.
Didaktische Bedeutung der Weiterführung
Die drei Stationen zeigen, wie aktivierendes Musikhören in der Grundschule umgesetzt werden kann. Die Kinder hören nicht nur zu, sondern sprechen, lesen, schreiben, bewegen sich, gestalten Standbilder oder arbeiten mit Schatten. Dadurch wird Musik auf unterschiedlichen Ebenen erfahrbar.
Besonders wertvoll ist die Verbindung von Musik und Sprache. Die Schülerinnen und Schüler erweitern ihren Wortschatz, beschreiben musikalische Eindrücke, begründen ihre Wahrnehmungen und gestalten eigene Texte. Gleichzeitig werden sie dazu angeregt, Musik nicht nur als Klang, sondern als Ausdruck von Handlung, Figur und Stimmung zu verstehen.
Die Anpassung für die Grundschule besteht vor allem darin, komplexe Aufgaben zu strukturieren, zusätzliche Hilfen bereitzustellen und verschiedene Zugänge zu ermöglichen. Bildimpulse, Lesehilfen, Wortkarten, Bewegung, Schattenspiel und gemeinsames Sprechen können Kinder dabei unterstützen, sich aktiv mit Strawinskys Feuervogel auseinanderzusetzen.
So bleibt Cronenbergs grundlegende Idee erhalten: Musik wird nicht passiv konsumiert, sondern aktiv gehört, gedeutet und gestaltet. Die Weiterführung für die Grundschule eröffnet jüngeren Kindern einen Zugang zu einem anspruchsvollen Werk der Musikgeschichte und verbindet dabei musikalisches Lernen mit Sprache, Vorstellungskraft und Ausdruck.
Quellenbezug
Bernhard Cronenberg: „Der Feuervogel. Ein Streifzug durch Strawinskys Ballettsuite“, mip-Journal 8/2003, S. 54–59.