Piagets Kognitionstheorie und ihre Bedeutung für das musikalische Lernen


Piaget entwickelte keine eigene Musiklerntheorie. Seine Überlegungen zur geistigen Entwicklung von Kindern lassen sich jedoch auf musikalische Lernprozesse übertragen...

Im Mittelpunkt steht die Annahme, dass Kinder Wissen nicht einfach passiv aufnehmen. Sie setzen sich aktiv und handelnd mit ihrer Umwelt auseinander und entwickeln auf dieser Grundlage zunehmend komplexere Denkstrukturen. Für das musikalische Lernen bedeutet das: Musikalisches Denken entwickelt sich aus dem musikalischen Handeln (vgl. Gembris 2008, S. 287-291).

Kinder sollten Musik daher zunächst hören, singen, spielen und durch Bewegung erfahren, bevor musikalische Begriffe, Regeln oder Notationsformen eingeführt werden.

Lernen durch aktives Handeln

Piaget versteht das Kind als aktiven Gestalter seiner eigenen Entwicklung. Kinder eignen sich ihre Umwelt an, indem sie handeln, ausprobieren, beobachten und ihre Erfahrungen (in sogenannten Schemata) ordnen. Der Pädagoge Hans Aebli fasste diesen Zusammenhang später mit der Aussage zusammen: Intelligente Prozesse sind Abkömmlinge des Tuns. (oder einfacher gesagt: Denken entwickelt sich aus dem Handeln)
Auch musikalisches Wissen sollte deshalb nicht ausschließlich durch sprachliche Erklärungen vermittelt werden. Ein Kind versteht einen Rhythmus nicht allein dadurch, dass es die dazugehörigen Notenwerte betrachtet. Es muss den Rhythmus zunächst hören, sprechen, klatschen, spielen oder durch Bewegung erfahren.

Prozedurales Lernen

Eine besondere Bedeutung besitzt das prozedurale Lernen. Dabei geht es um das praktische Wissen darüber, wie etwas ausgeführt wird. Ein Kind kann beispielsweise:

  • einen Rhythmus nachklatschen
  • eine Melodie nachsingen
  • einen Grundschlag mitgehen
  • etc.

Das Kind verfügt damit bereits über musikalisches Können, auch wenn es die zugrunde liegenden Zusammenhänge noch nicht mit Fachbegriffen erklären kann. Prozedurales Wissen lässt sich daher vereinfacht als Handlungswissen bezeichnen (vgl. Jank 2021, S. 127ff).

Davon unterscheidet sich das deklarative Wissen. Dieses umfasst bewusstes und sprachlich ausdrückbares Wissen. Ein Kind kann beispielsweise einen gleichmäßigen Puls mitklatschen, ohne den Begriff „Grundschlag“ zu kennen. Erst später wird die praktische Erfahrung mit dem entsprechenden Fachbegriff verbunden.

Für den Musikunterricht sind beide Wissensformen wichtig. Das deklarative Wissen sollte jedoch möglichst auf vorausgegangenen musikalischen Erfahrungen aufbauen!

Psychomotorische Erfahrungen als Grundlage

Prozedurales Lernen basiert auf psychomotorischen Erfahrungen. Wahrnehmung, Denken und Bewegung stehen dabei in enger Verbindung.

Musik wird von Kindern nicht ausschließlich mit den Ohren wahrgenommen. Sie wird zugleich körperlich erfahren:

  • Beim Singen werden Atmung, Stimme und Körperhaltung koordiniert.
  • Beim Klatschen werden zeitliche Abstände körperlich ausgeführt.
  • Beim Instrumentalspiel müssen Bewegungen geplant und kontrolliert werden.
  • Beim Tanzen werden Rhythmus, Tempo und Form mit dem gesamten Körper erlebt.
  • etc.

Bewegung bildet somit einen wichtigen Zugang zum musikalischen Verstehen. Durch die körperliche Erfahrung entwickelt es allmählich eine innere Vorstellung von Regelmäßigkeit (vgl. Jank 2021, S. 127ff)

Drei Formen musikalischer Repräsentation

Musikalische Erfahrungen können auf unterschiedliche Weise innerlich repräsentiert werden. Dabei lassen sich drei Formen unterscheiden:

  1. figurale Repräsentation
  2. formale Repräsentation
  3. symbolische Repräsentation

Diese Formen beschreiben einen möglichen Weg von der konkreten Erfahrung zum abstrakten musikalischen Wissen (vgl. Gembris 2008, S. 287-291).

Figurale Repräsentation

Die figurale Repräsentation entsteht durch die unmittelbare musikalische Erfahrung.
Das Kind hört, singt, spielt oder bewegt sich zu Musik. Musikalische Zusammenhänge werden zunächst über den Klang, die Wahrnehmung und das eigene Körpergefühl gespeichert.

Ein Kind hört beispielsweise einen Rhythmus und klatscht ihn nach. Es kennt den Rhythmus durch seinen Klang und die dazugehörige Bewegung. Es muss noch nicht wissen, aus welchen Notenwerten er besteht (vgl. Gembris 2008, S. 287-291).

Formale Repräsentation

Durch wiederholte und unterschiedliche Erfahrungen beginnt das Kind, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Ordnungen zu erkennen.

Es stellt beispielsweise fest:

  • Manche Töne klingen höher als andere.
  • Manche Töne dauern länger.
  • Bestimmte Rhythmen wiederholen sich.
  • etc.

Das Kind löst sich damit von einer einzelnen konkreten Erfahrung und entwickelt allgemeinere Vorstellungen.

Symbolische Repräsentation

Auf der symbolischen Ebene werden musikalische Erfahrungen und Vorstellungen mit Zeichen, Begriffen oder Notationsformen verbunden. (Dazu gehören unter anderem: musikalische Fachbegriffe, grafische Zeichen, Rhythmussilben, Notenwerte, traditionelle Notenschrift)

Ein Kind hat beispielsweise zunächst lange und kurze Klänge gehört, gesungen und körperlich dargestellt. Anschließend lernt es passende Begriffe und grafische Zeichen kennen. Später können diese Erfahrungen mit traditionellen Notenwerten verbunden werden.

Die Notenschrift bildet somit nicht unbedingt den Ausgangspunkt des Lernens. Sie dient vielmehr dazu, bereits entwickelte musikalische Vorstellungen symbolisch darzustellen (vgl. Gembris 2008, S. 287-291).

Die Bedeutung von Bewegung

Nach Piagets Verständnis entwickeln sich geistige Strukturen aus dem Handeln. Bewegung besitzt deshalb auch für musikalische Lernprozesse eine besondere Bedeutung. So können musikalische Parameter durch Bewegung erfahrbar gemacht werden:

  • Tonhöhe durch Bewegungen nach oben und unten
  • Lautstärke durch große und kleine Bewegungen
  • Tempo durch unterschiedliche Bewegungsgeschwindigkeiten
  • Metrum durch regelmäßiges Gehen oder Schwingen
  • etc.

Singen und Instrumentalspiel beruhen ebenfalls auf Bewegungsabläufen. Sie können daher als stark verfeinerte und koordinierte Bewegungen verstanden werden (vgl. Fuchs 2010, S. 22).

Für den Grundschulunterricht folgt daraus, dass Bewegung nicht lediglich als zusätzliche Auflockerung eingesetzt werden sollte. Sie kann einen grundlegenden Zugang zum musikalischen Verstehen eröffnen.

Konservation im musikalischen Lernen

Allgemein bezeichnet Konservation die Fähigkeit zu erkennen, dass bestimmte Eigenschaften erhalten bleiben, obwohl sich das äußere Erscheinungsbild verändert.
Auf Musik übertragen beschreibt der Begriff die zunehmende Fähigkeit, mehrere musikalische Wahrnehmungsaspekte gleichzeitig zu berücksichtigen und miteinander zu koordinieren.

Ein Kind muss beim Musizieren beispielsweise gleichzeitig auf unterschiedliche Aspekte achten: Melodie, Rhythmus, Metrum, Tempo, Lautstärke, die eigene Stimme oder das eigene Instrument, die Beiträge anderer Kinder (etc.).
Jüngere Kinder konzentrieren sich häufig zunächst auf einen einzelnen auffälligen Aspekt. Mit zunehmender Entwicklung können sie mehrere musikalische Ebenen miteinander verbinden.
Diese Fähigkeit bildet eine wichtige Grundlage für variables und mehrstimmiges Musizieren. Sie wird ungefähr ab dem achten Lebensjahr verortet.
(Solche Altersangaben sollten jedoch als Orientierung und nicht als feste Grenze verstanden werden).

Übung und Wiederholung

Musikalische Handlungsabläufe entwickeln sich durch regelmäßige Übung und Wiederholung. Ein Rhythmus muss mehrfach gehört und ausgeführt werden, damit er zunehmend sicher gelingt. Mit wachsender Sicherheit 

werden einzelne Bewegungsabläufe automatisiert. Dadurch kann sich das Kind auf weitere musikalische Aspekte konzentrieren.
Kann ein Kind einen Rhythmus beispielsweise bereits sicher klatschen, kann es zusätzlich auf Dynamik, Ausdruck oder das Zusammenspiel mit anderen achten.
Wiederholung sollte jedoch nicht bedeuten, eine Übung immer auf genau dieselbe Weise durchzuführen. Entscheidend ist die Verbindung von Wiederholung und inhaltlicher Vielfalt.

Ein Grundschlag kann beispielsweise gegangen, geklatscht, gepatscht, mit Instrumenten gespielt, zu verschiedenen Liedern ausgeführt, allein und in der Gruppe erprobt oder in unterschiedlichen Tempi erlebt werden.

Durch solche vielfältigen Erfahrungen erkennt das Kind, was in den unterschiedlichen Situationen gleich bleibt. Auf diese Weise können konkrete Erfahrungen verallgemeinert und auf neue musikalische Zusammenhänge übertragen werden.

Bedeutung für den Musikunterricht

Aus Piagets Kognitionstheorie lassen sich verschiedene musikdidaktische Konsequenzen ableiten...

  • Musikalische Inhalte sollten zunächst handelnd und körperlich erfahren werden. Kinder benötigen ausreichend Möglichkeiten zum Hören, Singen, Spielen, Bewegen, Improvisieren und Gestalten.
  • Begriffe und Notationsformen sollten an musikalischen Erfahrungen anknüpfen. Fachsprache erhält für Kinder erst dann eine Bedeutung, wenn sie mit einer eigenen Wahrnehmung oder Handlung verbunden werden kann.
  • Musikalische Fähigkeiten entwickeln sich durch vielfältige Übung und Wiederholung. Dabei sollten bekannte Inhalte in unterschiedlichen Zusammenhängen wiederkehren.
  • Außerdem müssen Aufgaben an den Entwicklungsstand der Kinder angepasst werden. Besonders die gleichzeitige Koordination mehrerer musikalischer Aspekte kann jüngere Kinder noch überfordern. Komplexe Aufgaben sollten deshalb schrittweise aufgebaut werden (Bspw.: Kanon erst ab der 3. Jahrgangsstufe (vgl. LehrplanPLUS Bayern).

Zusammenfassung für das Musikexamen

  • Piaget betrachtet das Kind als aktiven Gestalter seines eigenen Lernprozesses. Wissen entsteht durch die handelnde Auseinandersetzung mit der Umwelt.
  • Übertragen auf das musikalische Lernen bedeutet dies, dass sich musikalisches Denken aus dem musikalischen Tun entwickelt. Kinder sollten Musik zunächst hören, singen, spielen und durch Bewegung erfahren. Aus diesen konkreten Erfahrungen entstehen zunehmend allgemeine musikalische Vorstellungen. Erst anschließend werden diese mit Begriffen, Zeichen und Notationsformen verbunden.
  • Prozedurales Lernen bezeichnet dabei das praktische musikalische Können. Dieses bildet eine wichtige Grundlage für deklaratives, sprachlich ausdrückbares Wissen.
  • Bewegung unterstützt die Wahrnehmung und das Verständnis musikalischer Parameter. Durch Übung, Wiederholung und vielfältige Anwendung werden musikalische Handlungen zunehmend sicher und können auf neue Situationen übertragen werden.
  • Die zunehmende Fähigkeit, mehrere musikalische Aspekte gleichzeitig zu koordinieren, wird als Konservation bezeichnet. Sie bildet unter anderem eine Voraussetzung für komplexeres und mehrstimmiges Musizieren.

Merksatz

Musikalisches Denken entsteht aus dem musikalischen Handeln. Kinder erfahren Musik zunächst körperlich und praktisch, erkennen anschließend musikalische Zusammenhänge und verbinden diese schließlich mit Begriffen und Symbolen.

 

Das erinnert ganz stark an Edwin Gordons Music Learning Theory oder? Du weißt nicht, was ich damit meine?! Dann schau unbedingt mal hier vorbei ...

Fuchs, Mechtild (2010): Musik in der Grundschule neu denken – neu gestalten. Theorie und Praxis eines aufbauenden Musikunterrichts. Esslingen u. a.: Helbling.

Gembris, Heiner (2008): Entwicklungspsychologie musikalischer Fähigkeiten. In: Helms, Siegmund/
Schneider, Reinhard/ Weber, Rudolf (Hg.): Kompendium der Musikpädagogik. 4. Aufl. Kassel: Gustav
Bosse. S. 287-291.

Jank, Werner (2021) (Hg.): Musikdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 9., komplett
überarb. Auflage. Berlin: Cornelsen. S. 127-130.