Examen (Musik)

Im ersten Abschnitt beschäftigen wir uns mit...

Der Planung von "gutem" Musikunterricht

Zu Beginn stellt sich die grundlegende Frage: Wie ist guter Musikunterricht aufgebaut und welche Ziele verfolgt er?

 

Eine mögliche Orientierung bietet das Strukturmodell des Musikunterrichts nach Mechtild Fuchs. Es zeigt, wozu Musikunterricht dient, was sich bei den Schülerinnen und Schülern entwickeln soll und durch welche Tätigkeitsfelder dies erreicht werden kann.

Das Strukturmodell des Musikunterrichts nach Mechtild Fuchs


Das Strukturmodell nach Fuchs bezieht sich nicht nur auf eine einzelne Unterrichtsstunde, sondern dient als übergeordnete Orientierung für den gesamten Musikunterricht und für längerfristige Lernprozesse. Es umfasst drei Ebenen. Die übergeordneten Bildungsziele beantworten, wozu Musikunterricht dient, nämlich der Entwicklung von Freude und Interesse an Musik, einer verständigen Musikpraxis und musikalischer Bildung als Bereicherung des Lebens. Darunter stehen die konkreteren Ziele des Musikunterrichts: der Aufbau musikalischer Fähigkeiten, die Erschließung von Musikkulturen und das musikalische Gestalten. Verwirklicht werden diese Ziele in den Arbeits- und Kompetenzfeldern Musik machen und gestalten, Musik hören und verstehen sowie Musik umsetzen (vgl. Fuchs 2015, S. 90). Dabei müssen nicht in jeder Stunde alle Bereiche vorkommen. Über längere Zeit sollen sie jedoch immer wieder aufgegriffen, miteinander verbunden und systematisch weiterentwickelt werden. Vereinfacht lässt sich das Modell durch drei Fragen erklären:


Wozu dient Musikunterricht?
Was soll sich bei den Schülerinnen und Schülern entwickeln?
In welchen Tätigkeitsfeldern werden diese Ziele verfolgt? (also: Wozu?)

Eigene Abbildung in Anlehnung an Mechtild Fuchs (Fuchs 2015, S. 90)

Übergeordnete Bildungsziele

Die oberste Ebene beschreibt die langfristige Bedeutung des Musikunterrichts. Kinder sollen Musik als etwas Bereicherndes erfahren, Interesse an ihr entwickeln und lernen, bewusst und selbstständig mit ihr umzugehen.
Musikalische Bildung beschränkt sich dabei nicht auf die Schulzeit. Sie soll eine Grundlage dafür schaffen, dass Musik auch später einen persönlichen, kulturellen oder gemeinschaftlichen Stellenwert im Leben einnehmen kann.

Ziele des Musikunterrichts

Auf der zweiten Ebene stehen drei miteinander verbundene Zielbereiche.
Der Aufbau musikalischer Fähigkeiten umfasst die Entwicklung grundlegender Fähigkeiten, die Kinder zum Singen, Musizieren, Hören und Gestalten benötigen. Diese entstehen nicht innerhalb einer einzelnen Stunde, sondern werden langfristig aufgebaut und weiterentwickelt.
Die Erschließung von Musikkulturen erweitert die musikalischen Erfahrungen der Kinder. Dabei werden sowohl ihre eigene musikalische Lebenswelt als auch unterschiedliche Musikformen, Zeiten, Regionen und kulturelle Zusammenhänge einbezogen.
Beim musikalischen Gestalten werden die Kinder selbst tätig. Sie führen Musik nicht nur aus, sondern erhalten Möglichkeiten, eigene Ideen einzubringen und musikalische Entscheidungen zu treffen.
WICHTIG HIERBEI IST: Musikalische Lernprozesse lassen sich nicht eindeutig voneinander trennen. Eine Tätigkeit kann gleichzeitig Fähigkeiten fördern, kulturelle Erfahrungen ermöglichen und eigene Gestaltung anregen.

Arbeits- und Kompetenzfelder

Die dritte Ebene zeigt, in welchen grundlegenden Tätigkeitsfeldern Musikunterricht stattfindet.
Beim Musikmachen und Gestalten stehen das praktische Handeln und das eigene musikalische Tun im Mittelpunkt.
Beim Musikhören und Verstehen geht es um bewusstes Wahrnehmen, Erkennen, Beschreiben und Reflektieren von Musik.
Beim Umsetzen von Musik wird Musik in andere Ausdrucksformen übertragen, beispielsweise in Bewegung, Szene oder Bild. Dadurch können musikalische Eindrücke auf unterschiedliche Weise erfahrbar und verständlich werden.
Diese Arbeits- und Kompetenzfelder sind nicht fest einzelnen Zielen zugeordnet. Vielmehr können über jedes Feld unterschiedliche Ziele des Musikunterrichts verfolgt werden.

Bedeutung für die Unterrichtsplanung

Das Strukturmodell ist kein vorgegebener Stundenablauf. Eine einzelne Unterrichtsstunde muss deshalb nicht alle Ziele und Kompetenzfelder gleichermaßen behandeln.
Es dient vielmehr als Orientierung für die langfristige Planung. Lehrkräfte können mithilfe des Modells überprüfen, ob der Musikunterricht unterschiedliche Zugänge ermöglicht, musikalische Fähigkeiten systematisch weiterentwickelt und praktische, wahrnehmende, verstehende und gestaltende Erfahrungen miteinander verbindet.

Das Modell hilft somit dabei, Musikunterricht nicht als Aneinanderreihung einzelner Lieder, Spiele oder Aufgaben zu verstehen. Die verschiedenen Unterrichtsinhalte sollen vielmehr Teil eines längerfristigen musikalischen Lernprozesses sein.

Fuchs, Mechtild (2015): Ziele des Musikunterrichts. In: Dies. (Hg.): Musikdidaktik Grundschule. Theoretische Grundlagen und Praxisvorschläge. Esslingen u. a.: Helbling. S. 88-103.

Reflexionsfragen für guten Musikunterricht

(nach Mechtild Fuchs)

Das Strukturmodell des Musikunterrichts (welches wir eben kennen gelernt haben) zeigt, welche langfristigen Ziele musikalische Bildung verfolgt und in welchen Arbeits- und Kompetenzfeldern diese verwirklicht werden können. Mechtild Fuchs formuliert darüber hinaus grundlegende Prinzipien, die Orientierung für die konkrete Gestaltung des Musikunterrichts bieten.

Die folgenden Fragen können bei der Planung und Reflexion von Musikunterricht helfen. Sie greifen zentrale musikdidaktische Leitgedanken auf und laden dazu ein, den eigenen Unterricht bewusst zu durchdenken. Dabei geht es nicht um eine starre Checkliste, sondern um eine Orientierungshilfe für die Praxis (in Anlehnung an Mechtild Fuchs).

1. Können die Kinder Musik zunächst erleben, bevor ich sie erkläre?

Ermögliche den Kindern zunächst eine konkrete musikalische Erfahrung. Erst danach werden passende Begriffe, Regeln oder Notationsformen eingeführt und mit dem zuvor Erlebten verbunden.

 

2. Vermittle ich Musik auch musikalisch und nicht nur sprachlich?

Vermittle musikalische Inhalte möglichst durch Vorsingen, Vorspielen, Nachahmen und gemeinsames Musizieren. Die Lehrkraft erklärt Musik also nicht ausschließlich mit Worten, sondern zeigt den Kindern unmittelbar, wie etwas klingt und ausgeführt wird.

 

3. Gibt es in meinem Unterricht Raum zum Üben und Wiederholen?

Musikalische Fähigkeiten entwickeln sich durch regelmäßiges Üben und erneutes Anwenden. Wiederholungen sollten dabei nicht bloß identisch ablaufen, sondern durch kleine Veränderungen und neue Herausforderungen lebendig bleiben.

 

4. Knüpft die Stunde an bereits vorhandene Fähigkeiten an und entwickelt diese weiter?

Gehe in überschaubaren Lernschritten vor und knüpfe an bereits erworbene Fähigkeiten an. Neue Anforderungen sollten so gestaltet sein, dass die Kinder auf Bekanntes zurückgreifen und sich nach und nach weiterentwickeln können.

 

5. Können die Kinder neue Inhalte zunächst über den Körper erfahren?

Erschließe neue musikalische Inhalte zunächst über Stimme, Sprache, Bewegung oder Körperinstrumente. Der eigene Körper hilft den Kindern, Rhythmus, Klang und musikalische Abläufe unmittelbar wahrzunehmen und auszuführen, bevor weitere Instrumente oder abstrakte Darstellungen hinzukommen.

 

6. Werden Lernfortschritte für die Kinder erfahrbar und erhalten sie Rückmeldung?

Gib den Kindern konkrete und wertschätzende Rückmeldungen zu ihrer Entwicklung. Sie sollten erkennen und erleben können, was ihnen bereits gelingt und woran sie als Nächstes weiterarbeiten können.

 

7. Gibt es ein gutes Gleichgewicht zwischen Anleitung und selbstständigem Arbeiten?

Manche Lernprozesse benötigen eine klare Führung durch die Lehrkraft, andere brauchen Raum zum Ausprobieren und selbstständigen Gestalten. Guter Musikunterricht schafft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gemeinsamen Vorgaben und eigenen Lösungswegen.

 

8. Können wirklich alle Kinder aktiv teilnehmen?

Gestalte Aufgaben so, dass jedes Kind aktiv mitwirken und musikalische Erfolge erleben kann. Unterschiedliche Voraussetzungen sollten berücksichtigt werden, ohne einzelne Kinder dauerhaft auf vereinfachte Nebenaufgaben zu beschränken.

 

9. Beziehe ich die musikalische Lebenswelt der Kinder mit ein?

Beziehe Musik ein, die den Kindern in ihrem Alltag begegnet, und nimm ihre Erfahrungen ernst. Gleichzeitig sollte der Unterricht über bereits Bekanntes hinausführen und neue musikalische Ausdrucksformen eröffnen.

 

10. Hat die Musik in meinem Unterricht ein Ziel, ein Gegenüber oder eine Form der Präsentation?

Musik gewinnt an Bedeutung, wenn sie präsentiert und mit anderen geteilt wird. Kleine Aufführungen oder Präsentationen können das gemeinsame Arbeiten motivieren und den musikalischen Ergebnissen Wertschätzung verleihen. 

Die Fragen müssen nicht in jeder einzelnen Stunde vollständig mit „Ja“ beantwortet werden. Sie helfen jedoch dabei, Musikunterricht langfristig bewusst, musikalisch gehaltvoll und kindgerecht zu planen.

Fuchs, Mechtild (2015): Musikdidaktik Grundschule. Theoretische Grundlagen und Praxisvorschläge. Esslingen u.a.: Helbling. S. 102