Edwin Gordons Music Learning Theory
Während der Vorbereitung auf das Musikexamen stieß ich erneut auf Edwin Gordons Music Learning Theory. Zunächst empfand ich seine Theorie als nicht ganz leicht verständlich. Das liegt möglicherweise an der Vielzahl eigener Begriffe, die Gordon innerhalb seiner Theorie verwendet.
Der zentrale Gedanke seiner Theorie ist dennoch gut nachvollziehbar: Kinder sollen Musik ähnlich lernen, wie sie ihre Muttersprache lernen. Sie sollen Musik zunächst hören, erleben und selbst ausführen, bevor sie Noten lesen oder musiktheoretische Begriffe kennenlernen. Gordon fasst dieses Prinzip mit dem Ausdruck „sound before sign“ zusammen (also "Klang vor Zeichen").
(vgl. Gruhn 2018, S. 94-109)
Deshalb dachte ich mir, dass ich einen Beitrag verfasse, in dem ich versuche, seine Theorie für Dich etwas verständlicher darzustellen. Vielleicht hilft Dir die Zusammenfassung ja ebenfalls bei Deiner Examensvorbereitung ;)
Die Grundidee...
Gordon geht davon aus, dass Kinder zunächst vielfältige musikalische Erfahrungen benötigen. Sie sollen unterschiedliche Lieder, Rhythmen, Tonalitäten, Metren und musikalische Stile kennenlernen. Die Theorie steht bei Gordon somit nicht am Anfang des Lernprozesses, sondern an dessen Ende.
Musiklernen nach Gordon
Ein Kind lernt seine Muttersprache nicht, indem es zunächst Buchstaben, Grammatikregeln und Satzstrukturen erklärt bekommt. Es hört Sprache, erkennt wiederkehrende Muster, ahmt Laute und Wörter nach und beginnt schließlich selbst zu sprechen.
Erst später lernt es, Wörter zu lesen, zu schreiben und grammatische Regeln zu benennen.
Nach Gordon sollte musikalisches Lernen ähnlich verlaufen. Kinder sollen zunächst einen musikalischen Erfahrungsschatz aufbauen. Sie hören Musik, bewegen sich dazu, singen Lieder und geben kurze musikalische Muster wieder. Erst wenn ein musikalischer Klang bekannt und verstanden ist, wird er mit Begriffen oder Notenschrift verbunden.
Audiation?
Der wichtigste Begriff innerhalb der Music Learning Theory ist die Audiation.
Audiation bedeutet, Musik innerlich zu hören und gleichzeitig zu verstehen, obwohl sie in diesem Moment nicht tatsächlich erklingt.
Für Gordon bedeutet Audiation jedoch mehr als bloße Erinnerung. Ein musikalischer Zusammenhang soll nicht nur innerlich gehört, sondern auch verstanden werden. Dazu gehört beispielsweise, dass ein Kind erkennt, wie ein Rhythmus weitergeführt werden könnte, welches Metrum vorliegt, wie verschiedene Töne miteinander zusammenhängen (etc.).
Ein Kind kann ein Lied auswendig singen, ohne dessen musikalische Zusammenhänge vollständig zu verstehen.
Gordon unterscheidet deshalb zwischen Nachahmung, Auswendiglernen und Audiation.
Beim Nachahmen wird etwas Gehörtes unmittelbar wiedergegeben. Beim Auswendiglernen wird eine bekannte musikalische Abfolge aus dem Gedächtnis abgerufen. Bei der Audiation wird Musik dagegen innerlich gehört, verstanden und weitergedacht.
Aptitude und Achievement
Als aptitude bezeichnet er das individuelle Potenzial eines Menschen, Musik zu lernen. Dieses Potenzial ist bei jedem Kind unterschiedlich ausgeprägt.
Achievement beschreibt dagegen, was ein Kind durch musikalische Erfahrungen, Förderung und Lernen tatsächlich aus seinem Potenzial entwickelt.
Ein Kind kann somit ein hohes musikalisches Potenzial besitzen, dieses jedoch möglicherweise nicht vollständig entfalten, wenn ihm entsprechende musikalische Erfahrungen fehlen.
Das Ziel des Musikunterrichts besteht nach Gordon deshalb nicht darin, alle Kinder auf dasselbe Leistungsniveau zu bringen. Vielmehr soll jedes Kind entsprechend seiner individuellen Voraussetzungen gefördert werden.
Die Bedeutung musikalischer Vielfalt
Damit Kinder ein umfangreiches musikalisches Verständnis entwickeln können, benötigen sie vielfältige musikalische Erfahrungen.
Sie sollen nicht ausschließlich Lieder in Dur oder Musikstücke im Zweiermetrum kennenlernen. Gordon fordert eine Beschäftigung mit unterschied-lichen Tonalitäten, Metren, Rhythmen, Ausdrucks-formen (etc.).
Je vielfältiger die musikalischen Erfahrungen sind, desto größer wird der musikalische Wortschatz eines Kindes.
Dieser musikalische Wortschatz bildet später die Grundlage für selbstständiges musikalisches Denken und Improvisieren.
Was sind Patterns?
Eine wichtige Rolle spielen in Gordons Theorie sogenannte Patterns. Patterns sind kurze musikalische Muster. Sie können tonal oder rhythmisch sein.
Patterns können mit Wörtern oder kleinen Satzbausteinen verglichen werden. Kinder sollen Musik nicht nur als Aneinanderreihung einzelner Töne wahrnehmen, sondern musikalisch sinnvolle Gruppierungen erkennen.
Durch das Hören, Nachsingen und Vergleichen verschiedener Patterns entsteht nach und nach ein musikalischer Grundwortschatz.
Diese Patterns können durch verschiedene Methoden erlernt und weitergeführt werden. Eine Methode ist das Unterschiedungslernen.
Beim Unterscheidungslernen werden die Kinder zunächst eng durch die Lehrkraft angeleitet. Die Lehrkraft gibt sowohl die musikalischen Inhalte als auch den Lernweg vor. Das Vor- und Nachmachen besitzt dabei eine wichtige Bedeutung. Ziel ist es jedoch nicht, dass Kinder dauerhaft nur imitieren. Vielmehr wird durch die Nachahmung ein musikalisches Hör- und Aufführungsrepertoire aufgebaut.
Theoretisches Verstehen
Das theoretische Verstehen steht bei Gordon am Ende des Lernprozesses.
Erst nachdem Kinder Musik gehört, ausgeführt, innerlich verstanden, gelesen, geschrieben und improvisiert haben,
werden die musikalischen Zusammenhänge ausführlich erklärt. (Bspw.: wie ist eine Tonleiter aufgebaut etc.)
Rhythmisches Lernen bei Gordon
Rhythmus wird nach Gordon nicht ausschließlich über Patterns, Notenwerte oder durch Zählen verstanden. Eine besonders wichtige Rolle spielt die Bewegung.
Kinder sollen Musik körperlich erfahren, indem sie beispielsweise gehen, schwingen, wiegen oder sich frei zur Musik bewegen.
Bedeutung für den Musikunterricht
Gordons Theorie macht deutlich, dass musikalisches Lernen nicht mit Noten, Definitionen und theoretischen Erklärungen beginnen sollte.
Kinder benötigen zunächst vielfältige Möglichkeiten,
- Musik zu hören,
- sich zur Musik zu bewegen,
- selbst zu singen und zu musizieren,
- musikalische Muster nachzuahmen,
- musikalische Zusammenhänge wahrzunehmen,
- eigene musikalische Entscheidungen zu treffen.
Notation und Fachbegriffe erhalten erst dann einen Sinn, wenn sie mit bereits bekannten musikalischen Erfahrungen verbunden werden können.
Die Lehrkraft führt die Kinder dabei schrittweise vom angeleiteten Nachahmen zum selbstständigen musikalischen Denken.
Die Music Learning Theory in Kürze
Edwin Gordons Music Learning Theory geht davon aus, dass Musik ähnlich wie Sprache gelernt wird.
Kinder sollen zunächst vielfältige musikalische Erfahrungen sammeln. Sie hören Musik, bewegen sich dazu und geben tonale sowie rhythmische Patterns wieder.
Durch Audiation lernen sie, Musik innerlich zu hören und in ihren musikalischen Zusammenhängen zu verstehen.
Nach dem Grundsatz „sound before sign“ wird Notation erst eingeführt.
Der Lernprozess führt vom angeleiteten Unterscheidungslernen zum selbstständigen Inferenzlernen. Die Kinder lernen zunächst durch Hören und Nachahmen, bevor sie musikalische Zusammenhänge übertragen, improvisieren und theoretisch erklären.