Heterogenität

Um das Thema Heterogenität wirst du beim Lernen für das Examen nicht herumkommen. Da dieses Thema mit Abstand am häufigsten im Examen vorkommt, wird es hier tiefgehend behandelt... 
Keine Sorge, wir schaffen das! ;)

Grundlegend...

Wenn du diesen Begriff recherchierst, kommst du sehr häufig auf das Synonym:

Andersartigkeit

Das ist meiner Meinung nach ein gutes Synonym, reicht aber leider fürs Examen nicht aus. Wir müssen also weiter in die Tiefe gehen... 

Etymologie 

Vergleiche hierzu: (Walgenbach, 2014, S.13)

"Heterogenität setzt sich etymologisch aus den altgriechischen Begriffen héteros (anders/verschieden) und génos (Klasse/Art) zusammen (Kluge 2011, 413).

Heterogenität verweist auf Verschiedenheit, Ungleichartigkeit oder Andersartigkeit bezogen auf Individuen, Gruppen oder pädagogische Organisationen. 
Heterogenität existiert nicht an sich, sondern braucht konstitutiv ein tertium comparationis [Vergleichskriterium].
Heterogenität ist somit untrennbar mit Homogenität verbunden (vgl. Wenning 1999)."


Dieses Verständnis lässt sich mit den vier Eigenschaften vertiefen, die Lang, Grittner, Rehle und Hartinger (2010) zusammenfassen (In: Zulliger und Tanner, 2013).

Demnach lässt sich Heterogenität nur anhand eines bestimmten Vergleichskriteriums und Maßstabs feststellen (Relativität). Die Aussage gilt dabei nur für die betrachteten Merkmale zu einem bestimmten Zeitpunkt, nicht für die Kinder insgesamt oder ihre zukünftige Entwicklung (Partialität). Welche Unterschiede sichtbar werden, hängt davon ab, welchen Maßstab wir anlegen. Heterogenität wird somit durch den Vergleich zugeschrieben (Konstruiertheit). Die festgestellten Unterschiede sind zunächst weder gut noch schlecht (Wertneutralität). Welche Unterschiede hervorgehoben werden und ob sie als "Problem" gelten, hängt von den jeweiligen Interessen sowie gesellschaftlichen und schulischen Erwartungen ab.


Inwiefern wird Heterogenität erst durch schulische Erwartungen zum Problem?

Wenn Heterogenität durch bestimmte Vergleichsmaßstäbe zugeschrieben wird, müssen auch die schulischen Erwartungen hinterfragt werden. Unterschiede können dann zum Problem werden, wenn schulische Anforderungen den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder nicht gerecht werden. Deshalb ist zu prüfen, welche Erwartungen angemessen sind und wo Anforderungen oder Lernangebote angepasst werden müssen. Gemeinsame Bildungsziele können dabei sinnvoll bleiben, ohne gleiche Lernwege oder dasselbe Lerntempo vorauszusetzen.

Vertiefende Literatur
Zulliger und Tanner (2013)

Zulliger und Tanner (2013) untersuchten 21 empirische Beiträge, die „Heterogenität“ im Titel oder Untertitel führen.


Der Beitrag zeigt, wie Heterogenität in empirischen Studien untersucht wird, und hilft dir dabei, den Begriff reflektierter zu verwenden. Für die Auseinandersetzung mit Heterogenität sind besonders drei Ergebnisse relevant.

1. Heterogenität wird häufig vorausgesetzt, ohne die Unterschiede genau zu benennen.

Besonders in den untersuchten Beiträgen zu Unterricht und Lehrpersonen bleibt teilweise unklar, worin sich die Schülerinnen und Schüler unterscheiden. Die Schülerschaft wird als heterogen bezeichnet, ohne diese Aussage genauer zu bestimmen.

Für deine Examensargumentation folgt daraus, dass der Hinweis auf eine „heterogene Klasse“ allein nicht ausreicht. Benenne die Unterschiede, auf die du dich beziehst, und erkläre, welche Anforderungen sich daraus für den Unterricht ergeben

(vgl. Zulliger & Tanner, 2013, S. 47–48).

 

2. Der Blick auf Heterogenität ist häufig auf Leistung und vermeintliche Defizite gerichtet.

Leistungsunterschiede nehmen in der untersuchten Auswahl eine zentrale Stellung ein. In den Beiträgen zu Unterricht und Lehrpersonen stehen häufig Leistungsschwäche und Migrationshintergrund im Mittelpunkt. Eine Untersuchung zu Hochbegabung bildet eine Ausnahme.

Das zeigt, dass unter dem Begriff Heterogenität häufig Abweichungen von einer angenommenen Norm betrachtet werden. Für das Examen ist deshalb wichtig, Unterschiede nicht automatisch als Defizite zu behandeln. Hinterfrage, welcher Maßstab angelegt wird und weshalb bestimmte Unterschiede als problematisch gelten. Damit kannst du die zuvor erläuterte Wertneutralität und Konstruiertheit des Begriffs mit einem Ergebnis der Untersuchung verbinden

(vgl. Zulliger & Tanner, 2013, S. 47–48).

 

3. Lernvoraussetzungen und unterrichtliches Handeln werden nur selten gemeinsam untersucht.

Die Autorinnen heben die KILIA-Studie von Martschinke und Kammermeyer (2003) und die Untersuchung von Eckhart (2002) hervor. Beide verbinden Unterschiede zwischen den Kindern mit der Gestaltung des Unterrichts und dem Handeln der Lehrkräfte. Solche Verknüpfungen sind in der untersuchten Auswahl selten.

Für deine Argumentation ist diese Verbindung besonders hilfreich. Bei der Beschreibung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen sollte deine Auseinandersetzung nicht stehen bleiben. Zeige anschließend, wie du diese im Unterricht aufgreifst und weshalb die gewählten Maßnahmen dazu passen. Die KILIA-Studie setzt hier beim Anfangsunterricht an und untersucht den Zusammenhang zwischen den Voraussetzungen der Klasse und den Unterrichtsmaßnahmen der Lehrkräfte (vgl. Zulliger & Tanner, 2013, S. 43 und 48).

 

WICHTIG:
Die Untersuchung unterstützt dich somit dabei,
Heterogenität präzise zu beschreiben, Bewertungen kritisch zu hinterfragen und den Bezug zum Unterricht herzustellen. Sie belegt allerdings nicht, welche Unterrichtsmethode besonders wirksam ist. Ihre Ergebnisse beziehen sich auf die ausgewählten Beiträge aus den Jahren 2001 bis 2011 und lassen sich nicht auf die gesamte heutige Forschung übertragen.

 

In der Kürze liegt die Würze...

Heterogenität beschreibt Unterschiede in Bezug auf ein bestimmtes Vergleichskriterium und ist zunächst wertneutral. Welche Unterschiede hervorgehoben werden und ob sie als "Problem" gelten, hängt demnach von gesellschaftlichen und schulischen Erwartungen ab.

Heterogenitätskategorien nach Wenning 2007

  • leistungsbedingte Heterogenität
  • Altersheterogenität und Heterogenität des Entwicklungsstandes
  • Sozialkulturelle Heterogenität
  • Sprachliche Heterogenität
  • Migrationsbedingte Heterogenität
  • Gesundheits- und körperbezogene Heterogenität
  • Geschlechtsbezogene Heterogenität

Für das Examen solltest du Heterogenität nicht pauschal als Argument verwenden, sondern das jeweilige Vergleichskriterium benennen. Eine Aussage über „heterogene Klassen“ bleibt ungenau, solange die betrachteten Merkmale und der Vergleichsmaßstab unklar sind.

Inklusion

Was bedeutet Inklusion?

 

Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen, Erfahrungen und Bedürfnisse mit in die Schule. Inklusion verbindet diese Vielfalt mit dem Anspruch, dass alle Kinder gleichberechtigt dazugehören, mitwirken und lernen können. Dazu müssen Hindernisse erkannt und abgebaut werden, die ihre Teilnahme und ihr Lernen erschweren.
In einem weiten Verständnis bezieht sich Inklusion auf alle Kinder und unterschiedliche Formen von Benachteiligung. Ein engeres Verständnis konzentriert sich auf die gemeinsame Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung beziehungsweise sonderpädagogischen Förderbedarf. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil nicht jede Veröffentlichung denselben Inklusionsbegriff verwendet (vgl. Lütje-Klose et al., 2018, S. 110).
Prengel und Heinzel (2012) verbinden Heterogenität ausdrücklich mit Gleichberechtigung. Unterschiedliche Kinder sollen gemeinsam lernen können, ohne dass ihre Unterschiede eine Unterordnung oder geringere Anerkennung begründen. 

 

Exklusion, Segregation, Integration und Inklusion

Die Begriffe beschreiben unterschiedliche Formen des Zugangs zu Bildung und des Umgangs mit Verschiedenheit.

  • Exklusion: Kinder werden vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen.
  • Segregation: Kinder erhalten Bildung in getrennten Einrichtungen, beispielsweise in gesonderten Schulen für bestimmte Beeinträchtigungen.
  • Integration: Kinder mit Behinderungen werden in bestehende allgemeine Schulen aufgenommen. Dabei wird grundsätzlich erwartet, dass sie sich deren bestehenden Anforderungen anpassen können.
  • Inklusion: Unterricht, Organisation und Strukturen werden so verändert, dass unterschiedliche Kinder gleichberechtigt teilnehmen und lernen können.

Diese Unterscheidung folgt der Allgemeinen Bemerkung Nr. 4 des UN-Fachausschusses (2016, Abs. 11). Sie macht deutlich, dass die gemeinsame Unterbringung in einer Klasse allein noch keine Inklusion gewährleistet. Dazu gehören auch Veränderungen der Lernbedingungen.

Die Begriffe solltest du allerdings nicht als vier sauber aufeinanderfolgende historische Ereignisse verstehen. Unterschiedliche Formen können gleichzeitig bestehen.

 

Wie hat sich der Umgang mit Behinderung und schulischer Bildung verändert?

Im Nationalsozialismus wurden Menschen mit Behinderungen verfolgt, zwangssterilisiert und ermordet. Auch schulische Erfassung und Aussonderung waren mit dieser Verfolgung verbunden. In der jungen Bundesrepublik wurde das gesonderte Schulwesen weiter ausgebaut. Dahinter stand die Vorstellung, Kinder mit bestimmten Beeinträchtigungen in spezialisierten Einrichtungen angemessener fördern zu können. Die Geschichte lässt sich deshalb nicht allein als Wechsel von „keiner Bildung“ zu „Bildung für alle“ beschreiben. Auch die Bedingungen und Folgen der getrennten Beschulung müssen betrachtet werden.
Ein wichtiger internationaler Bezugspunkt ist die Salamanca-Erklärung von 1994. Sie fordert, Schulen so auszurichten, dass sie unterschiedliche Kinder gemeinsam aufnehmen und ihren Lernbedürfnissen gerecht werden. Die Erklärung ist ein bildungspolitisches Leitdokument, aber kein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag.
Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde 2006 verabschiedet und ist seit dem 26. März 2009 für Deutschland verbindlich. Ihr Artikel 24 verpflichtet die Vertragsstaaten zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems. Menschen mit Behinderungen dürfen nicht aufgrund ihrer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Inklusion ist damit ein menschenrechtlicher Anspruch. 

Wie ist Inklusion im bayerischen Schulrecht verankert?

Im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen steht ausdrücklich:

„Inklusiver Unterricht ist Aufgabe aller Schulen.“

Das ist in Art. 2 Abs. 2 BayEUG festgehalten. Inklusion ist damit eine Aufgabe des gesamten Schulwesens.

Gleichzeitig sieht Art. 41 BayEUG weiterhin allgemeine Schulen und Förderschulen als Lernorte vor. Die Wahl der Erziehungsberechtigten bezieht sich auf die im Einzelfall rechtlich und tatsächlich verfügbaren Angebote; das Gesetz enthält außerdem Regelungen für eine verpflichtende Förderschulbeschulung. Der menschenrechtliche Anspruch und seine Umsetzung im bestehenden Schulsystem müssen deshalb unterschieden werden.

 

Heterogenität beginnt bereits vor dem ersten Schultag

Schon am Schulanfang unterscheiden sich Kinder beispielsweise in ihren schriftsprachlichen Vorkenntnissen und ihrem Selbstkonzept.
Das KILIA-Projekt von Martschinke und Kammermeyer untersuchte unter anderem solche Voraussetzungen im Schriftspracherwerb. Es zeigte erhebliche Unterschiede innerhalb der Klassen und zwischen den Klassen. Auch die Lehrkräfte unterschieden sich darin, welche Differenzierungsmaßnahmen und Freiheitsspielräume sie anboten (Martschinke & Kammermeyer, 2003). 
Für den Unterricht folgt daraus: Die Zugehörigkeit zu einer Jahrgangsstufe reicht nicht aus, um die Lernvoraussetzungen eines Kindes einzuschätzen.

Was zeigt die Forschung zum gemeinsamen Lernen?

Ein Beispiel ist die BiLieF-Studie. Sie untersuchte Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen in allgemeinen Schulen und Förderschulen.

  • Inklusiv beschulte Kinder zeigten im Querschnitt höhere Lese- und Rechtschreibleistungen.
  • Bei den Leistungszuwächsen ergab sich keine durchgehend eindeutige Überlegenheit eines Lernortes.
  • Auch beim Wohlbefinden und Selbstkonzept bestanden keine pauschalen Vorteile zugunsten der inklusiven Beschulung.
  • Die Befunde verweisen auf die Bedeutung der konkreten Bedingungen an der einzelnen Schule, beispielsweise der Zusammenarbeit und gemeinsamen Verantwortungsübernahme der Lehrkräfte.

Die wichtige Erkenntnis lautet daher: Die Bezeichnung des Lernortes allein erklärt noch nicht, wie gut Kinder lernen und wie wohl sie sich fühlen (Lütje-Klose et al., 2018). Die Ergebnisse beziehen sich auf den untersuchten Förderschwerpunkt und lassen sich nicht ungeprüft auf alle Kinder übertragen.

Wie weit ist die Umsetzung in Deutschland?

Nach Klemm (2022) wurden im Schuljahr 2020/21 rund 55,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf an Förderschulen unterrichtet. Die Berechnung berücksichtigt das Saarland und den Förderschwerpunkt „Kranke“ nicht.

Dabei werden zwei Kennzahlen unterschieden:

  • Exklusionsanteil: Anteil der Förderschülerinnen und Förderschüler an allen Kindern mit festgestelltem Förderbedarf rund 55,3 %
  • Exklusionsquote: Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf an Förderschulen an der gesamten Schülerschaft im betrachteten Bereich 4,28 %

Die Zahlen betreffen die betrachteten allgemeinbildenden Jahrgangsstufen insgesamt, nicht ausschließlich die Grundschule. Sie zeigen den damaligen Stand der getrennten Beschulung, erklären aber nicht allein dessen Ursachen (Klemm, 2022, S. 5–7). 

Wie können Lehrkräfte auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen reagieren (nach Weinert)?

  • Passiv: Unterschiede werden übergangen. Der Unterricht orientiert sich weitgehend an einem angenommenen Durchschnitt.
  • Substitutiv: Die Lernenden sollen an die bestehenden Unterrichtsanforderungen angepasst werden, beispielsweise durch Maßnahmen zur Homogenisierung.
  • Aktiv: Der Unterricht wird an lernrelevante Unterschiede angepasst.
  • Proaktiv: Einzelne Kinder werden durch eine gezielte adaptive Unterrichtsgestaltung gefördert, gegebenenfalls mit unterschiedlichen Lernzielen.

Für inklusive Unterrichtsgestaltung sind insbesondere die aktive und proaktive Reaktion anschlussfähig.

Quellen 

  • König, J., Buchholtz, C. & Dohmen, D. (2015). Analyse von schriftlichen Unterrichtsplanungen. Empirische Befunde zur didaktischen Adaptivität als Aspekt der Planungskompetenz angehender Lehrkräfte. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 18, 375–404.
  • Klemm, K. (2022). Inklusion in Deutschlands Schulen. Eine bildungsstatistische Momentaufnahme 2020/21. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
  • Lütje-Klose, B., Neumann, P., Gorges, J. & Wild, E. (2018). Die Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements (BiLieF). Zentrale Befunde. Die Deutsche Schule, 110(2), 109–123.
  • Martschinke, S. & Kammermeyer, G. (2003). Jedes Kind ist anders. Jede Klasse ist anders. Ergebnisse aus dem KILIA-Projekt zur Heterogenität im Anfangsunterricht. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 6(2), 257–275.
  • McElvany, N. et al. (Hrsg.) (2023). IGLU 2021. Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich und im Trend über 20 Jahre. Münster: Waxmann.
  • Prengel, A. & Heinzel, F. (2012). Heterogenität als Grundbegriff inklusiver Pädagogik. Zeitschrift für Inklusion, 3.
  • Walgenbach, Katharina (2014): Heterogenität – Intersektionalität – Diversity in der Erziehungswissenschaft. Opladen und Toronto: Verlag Barbara Budrich.
  • Wenning, Norbert (2007): Heterogenität als Dilemma für Bildungseinrichtungen. In: Boller, Sebastian / Rosowski, Elke / Stroot, Thea (Hg.): Heterogenität in Schule und Unterricht. Handlungsansätze zum pädagogischen Umgang mit Vielfalt. Weinheim und Basel: Beltz. S. 21–31.
  • Zulliger, Sandra / Tanner, Sabine (2013): Der Begriff Heterogenität in empirischen Studien. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 35 (2013). Heft 1. S. 37–52.