Perspektivrahmen Sachunterricht

Was ist das eigentlich?

Wer sich mit der Didaktik des Sachunterrichts beschäftigt, begegnet früher oder später dem sogenannten Perspektivrahmen. Auch im Zusammenhang mit dem bayerischen LehrplanPLUS wird auf ihn verwiesen. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Wer hat ihn entwickelt und welche Bedeutung hat er für den Unterricht?

 

Warum gibt es den Perspektivrahmen Sachunterricht?

Die Idee zum Perspektivrahmen Sachunterricht entstand Ende der 1990er-Jahre als Reaktion auf einen Bedeutungsverlust des Faches. In verschiedenen Bundesländern wurden Unterrichtszeit und Ausbildungsanteile reduziert. Zugleich erschien der Bildungsauftrag des Sachunterrichts zu wenig klar umrissen. Dadurch konnten ihm unterschiedlichste pädagogische Aufgaben zugeschrieben werden, ohne dass sein eigenständiges fachliches Profil deutlich wurde.
Die GDSU wollte deshalb herausarbeiten, welchen unverzichtbaren Beitrag der Sachunterricht zur Bildung von Kindern leistet. Der Perspektivrahmen sollte eine länderübergreifende Orientierung bieten, ohne in die Zuständigkeit der Ministerien für die Lehrpläne einzugreifen.
Er entstand somit ursprünglich als bildungspolitisches Instrument, um das Profil des Sachunterrichts zu schärfen und seine Stellung in Schule und Lehrkräftebildung zu stärken (vgl. Schreier, 2014, S. 199–201).

 

Eine fachliche Orientierung für den Sachunterricht

Der Perspektivrahmen Sachunterricht wird von der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts, kurz GDSU, herausgegeben. Die GDSU ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, in der unter anderem Lehrende aus Hochschulen, der Lehrkräftebildung und der Schule zusammenarbeiten. Sie beschäftigt sich mit der Erforschung und Weiterentwicklung des Sachunterrichts.
Mit dem Perspektivrahmen beschreibt die Fachgesellschaft, welchen Beitrag der Sachunterricht zur Bildung von Kindern leisten soll. Dabei geht es um grundlegende Inhalte und Kompetenzen sowie um die Frage, wie Kinder ihre natürliche, soziale und technische Umwelt zunehmend verstehen und mitgestalten können.
Der Perspektivrahmen bietet somit eine fachdidaktisch begründete Orientierung. Er unterstützt die Planung und Reflexion von Unterricht und dient zugleich als Grundlage für die Lehrkräftebildung und die Entwicklung von Lehrplänen.

 

Warum braucht der Sachunterricht einen solchen Rahmen?

Der Sachunterricht umfasst sehr unterschiedliche Inhalte. Kinder beschäftigen sich beispielsweise mit Pflanzen, demokratischen Entscheidungen, technischen Erfindungen, ihrer Umgebung oder dem Leben früherer Generationen.
Diese Vielfalt ist eine Stärke des Faches. Sie stellt Lehrkräfte aber auch vor die Frage, welche Inhalte ausgewählt werden und welches Lernen damit verbunden sein soll. Ein Thema allein sagt schließlich noch wenig darüber aus, was Kinder daran erkennen, verstehen oder tun lernen.
Der Perspektivrahmen hilft dabei, diese Vielfalt fachlich zu strukturieren. Er verbindet die Erfahrungen, Vorstellungen und Fragen der Kinder mit fachlich begründeten Inhalten und Arbeitsweisen. Dabei werden sowohl das Wissen über eine Sache als auch die Fähigkeiten berücksichtigt, sich dieses Wissen zu erarbeiten, es zu prüfen und anzuwenden.

 

Was bedeutet „Perspektive“?

Eine Perspektive beschreibt einen fachlichen Zugang zu einer Sache. Je nachdem, welche Frage gestellt wird, kann derselbe Gegenstand unter unterschiedlichen Gesichtspunkten untersucht werden.
Der Perspektivrahmen unterscheidet fünf Perspektiven. (Die folgenden Fragen sind eigene Beispiele zur Veranschaulichung.)

  • Sozialwissenschaftliche Perspektive: Wie können wir in unserer Klasse gemeinsam Entscheidungen treffen?
  • Naturwissenschaftliche Perspektive: Welche Bedingungen benötigen Pflanzen zum Wachsen?
  • Geographische Perspektive: Wie können wir uns mithilfe eines Plans orientieren?
  • Historische Perspektive: Woher wissen wir, wie Kinder früher gelebt haben?
  • Technische Perspektive: Wie können wir eine stabile Brücke bauen?

Dabei geht es jeweils auch um passende Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen. Bei einer historischen Frage können Kinder beispielsweise Quellen untersuchen. Bei einer naturwissenschaftlichen Frage können sie Vermutungen formulieren und durch geeignete Untersuchungen überprüfen.
Die Perspektiven unterscheiden sich somit sowohl hinsichtlich ihrer Fragen und Inhalte als auch hinsichtlich ihrer Vorgehensweisen.

 

Die Perspektiven sollen miteinander verbunden werden

Viele Fragen aus der Lebenswelt lassen sich nicht aus einer einzigen Perspektive ausreichend bearbeiten. Der Perspektivrahmen betont deshalb die Vernetzung der Perspektiven.
Dies lässt sich am Thema Mobilität verdeutlichen. Wenn Kinder ihren Schulweg untersuchen, spielen räumliche Fragen eine Rolle. Zugleich können sie sich mit Verkehrsregeln, technischen Verkehrsmitteln oder den Umweltfolgen unterschiedlicher Fortbewegungsweisen beschäftigen.
Der Perspektivrahmen von 2013 arbeitet vier perspektivenvernetzende Themenbereiche exemplarisch aus.

  • Mobilität

  • Nachhaltige Entwicklung

  • Gesundheit und Gesundheitsprophylaxe

  • Medien

Diese Themenbereiche bilden keine zusätzlichen Perspektiven. Sie verdeutlichen vielmehr, wie verschiedene Perspektiven zur Bearbeitung komplexer Fragen zusammenwirken können. Die Vernetzung soll sich dabei aus der jeweiligen Sache und Fragestellung ergeben. Es geht also nicht darum, bei jedem Thema möglichst viele Perspektiven aufzuzählen.

 

Es geht auch darum, wie Kinder lernen

Neben den perspektivenbezogenen Inhalten und Vorgehensweisen beschreibt der Perspektivrahmen perspektivenübergreifende Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen.
Dazu gehören das Erkennen und Verstehen, das eigenständige Erarbeiten, das Evaluieren und Reflektieren, das Kommunizieren und Zusammenarbeiten, die interessierte Begegnung mit Sachen (Interessen entwickeln) sowie das Umsetzen und Handeln.
Diese Bereiche sind eng mit den Unterrichtsinhalten verbunden. Kinder lernen beispielsweise, Beobachtungen zu vergleichen, eine Untersuchung zu planen, Ergebnisse zu erklären oder eine Entscheidung zu begründen. Der Perspektivrahmen umfasst deshalb deutlich mehr als eine Sammlung geeigneter Unterrichtsthemen (Vgl. Giest und Hartinger, 2014, S. 225–229).

Gilt der Perspektivrahmen nur für Bayern?

Nein. Der Perspektivrahmen ist länderübergreifend angelegt. Er bietet eine fachliche Orientierung über einzelne Bundesländer hinweg und hat die Entwicklung verschiedener Lehrpläne beeinflusst.
Allerdings ist er kein staatlich erlassener Lehrplan. Seine fachlichen Empfehlungen und Kompetenzbeschreibungen sind deshalb von den verbindlichen Vorgaben der Länder zu unterscheiden.
Für Lehrkräfte bleibt der jeweils geltende Landeslehrplan maßgeblich. Der Perspektivrahmen unterstützt sie dabei, dessen Anforderungen fachdidaktisch einzuordnen und Unterricht begründet zu gestalten (Vgl. Giest und Hartinger, 2014, S. 219–225).

Wie hängt er mit dem LehrplanPLUS in Bayern zusammen?

Im Fachprofil für den Heimat- und Sachunterricht wird ausdrücklich erläutert, dass sich das Kompetenzstrukturmodell nach dem Perspektivrahmen Sachunterricht von 2013 richtet.
Der Zusammenhang zeigt sich an den fünf fachlichen Perspektiven sowie an den prozessbezogenen Kompetenzen, die sich an den perspektivenübergreifenden Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen orientieren. Die Bezeichnungen wurden dabei nicht vollständig identisch übernommen.
Davon zu unterscheiden sind die sechs Gegenstandsbereiche des bayerischen Lehrplans, beispielsweise „Natur und Umwelt“ oder „Zeit und Wandel“. Gegenstandsbereiche strukturieren die Inhalte. Perspektiven kennzeichnen die fachlichen Zugänge zu diesen Inhalten. Eine Perspektive lässt sich deshalb nicht ausschließlich einem Gegenstandsbereich zuordnen.
Der Perspektivrahmen und der LehrplanPLUS sind somit eng miteinander verbunden, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen. Der Perspektivrahmen bietet eine länderübergreifende fachdidaktische Orientierung. Der LehrplanPLUS legt die verbindlichen Anforderungen für den Unterricht in Bayern fest.

In der Kürze liegt die Würze...

Der Perspektivrahmen Sachunterricht der GDSU (2013) beschreibt, was Kinder im Sachunterricht lernen sollen und wie sie sich ihre Welt erschließen können. Er verbindet fünf fachliche Perspektiven mit grundlegenden Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen. Als länderübergreifende Orientierung unterstützt er die Unterrichtsplanung und Lehrplanentwicklung. Er ist selbst kein verbindlicher Lehrplan, bildet aber eine wichtige Grundlage des bayerischen LehrplanPLUS.

Quellen

  • Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (Hrsg.) (2013). Perspektivrahmen Sachunterricht. Vollständig überarbeitete und erweiterte Ausgabe. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Giest, Hartmut und Hartinger, Andreas (2014). Der Perspektivrahmen 2013. In Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (Hrsg.), Die Didaktik des Sachunterrichts und ihre Fachgesellschaft GDSU e. V. (S. 219–230). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.