Unterrichtsprinzipien und Methoden
Bei der Unterrichtsplanung müssen wir entscheiden, welche Inhalte die Kinder erschließen sollen und wie wir ihr Lernen unterstützen können. Dabei helfen uns Unterrichtsprinzipien und Methoden. Die beiden Begriffe hängen zusammen, beschreiben aber unterschiedliche Dinge.
Unterrichtsprinzipien geben grundlegende Orientierung für die Gestaltung von Unterricht.
Methoden beschreiben die Wege, auf denen Lehrende und Lernende Inhalte bearbeiten und Ziele verfolgen.
Was sind Unterrichtsprinzipien?
Unterrichtsprinzipien sind begründete Grundsätze für die Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht. Wiater unterscheidet fundierende und regulierende Prinzipien.
Fundierende Prinzipien betreffen die grundlegende Ausrichtung des Unterrichts. Dazu gehören bei Wiater unter anderem:
- Schülerorientierung berücksichtigt Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnisse der Kinder.
- Sachorientierung verlangt eine fachlich angemessene Auseinandersetzung mit dem Gegenstand.
- Handlungsorientierung verbindet eigenes Tätigwerden mit der gedanklichen Verarbeitung der Erfahrungen.
Regulierende Prinzipien betreffen die nähere Gestaltung der Lernprozesse. Dazu zählen beispielsweise Selbsttätigkeit, Differenzierung (bspw.: Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler), Veranschaulichung, Motivation, Strukturierung und Ergebnissicherung. Die Bezeichnungen und Zusammenstellungen unterscheiden sich zwischen den Auflagen (vgl. Wiater, 2014). Für deine Planung lassen sich daraus Fragen ableiten. Sind die Aufgaben verständlich? Können alle Kinder sinnvoll mitarbeiten? Woran erkennen wir, was gelernt wurde? Die Prinzipien liefern dafür Maßstäbe, aber keinen fertigen Stundenablauf.
Wie lassen sich Unterrichtsmethoden ordnen?
Hilbert Meyer unterscheidet drei Ebenen der Unterrichtsmethodik.
- Makromethodik: Methodische Großformen und längerfristige Unterrichtsarrangements (bspw.: Lehrgang, Projektunterricht, Freiarbeit)
- Mesomethodik: Sozialformen, Handlungsmuster und Verlaufsformen (bspw.: Partnerarbeit, Unterrichtsgespräch, Erarbeitungs- und Sicherungsphasen)
- Mikromethodik: Einzelne, meist kurze Handlungen und Inszenierungstechniken (Bspw.: Einen Impuls geben, etwas zeigen, eine Denkpause einlegen)
Die Ebenen greifen ineinander. In einem Projekt können die Kinder beispielsweise in Gruppen arbeiten, während die Lehrkraft durch kurze Nachfragen unterstützt. Einen Überblick über dieses Methodenrepertoire bieten Meyer und Junghans (2021).
Was bedeutet es, Unterricht zu öffnen?
Bei der Öffnung von Unterricht erhalten Schülerinnen und Schüler mehr Einfluss auf ihr Lernen. Sie können beispielsweise über Arbeitsreihenfolge, Vorgehensweise, Themen oder gemeinsame Regeln mitentscheiden.
Bohl und Kucharz (2010) unterscheiden dabei zwischen einer Öffnung des Unterrichts und offenem Unterricht im engeren Sinne. Wahlmöglichkeiten bei Organisation und Methoden reichen nach ihrem Verständnis noch nicht aus. Offener Unterricht setzt auch inhaltliche und/oder politisch-partizipative Mitbestimmung voraus, also Einfluss auf Inhalte oder gemeinsame Entscheidungen (hier nach Dumont, 2019).
Für das Examen ist deshalb wichtig, genau zu benennen, was geöffnet wird. Die freie Wahl einer Aufgabenreihenfolge ist etwas anderes als die Mitentscheidung über eine Forschungsfrage.
Warum kann eine Öffnung sinnvoll sein?
Ein pädagogisches Argument ist die Möglichkeit, Selbständigkeit, Verantwortung und Mitbestimmung zu üben. Kinder können lernen, Entscheidungen zu begründen und ihre Arbeitsprozesse zu überdenken. Das sind Ziele, die über die Bearbeitung einzelner Aufgaben hinausgehen.
Auch aus lernpsychologischer Sicht ist die aktive Auseinandersetzung wichtig. Lernen lässt sich nicht als bloßes Übertragen von Wissen verstehen. Kinder müssen neue Informationen mit ihrem Vorwissen verbinden, Zusammenhänge herstellen und ihr Verständnis überprüfen.
Allerdings bedeutet geistige Aktivität nicht automatisch sichtbare Beschäftigung. Ein Kind kann Material bearbeiten, ohne den Zusammenhang zu verstehen. Umgekehrt kann es beim Zuhören intensiv mitdenken. Chi und Wylie (2014) unterscheiden deshalb verschiedene Formen der kognitiven Beteiligung und betonen insbesondere das Entwickeln eigener Erklärungen und den gemeinsamen Aufbau von Verständnis.
Welche Rolle spielt die Motivation?
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan beschreibt drei grundlegende psychologische Bedürfnisse:
- Kompetenzerleben: „Ich kann etwas bewältigen und mache Fortschritte.“
- Soziale Eingebundenheit: „Ich gehöre dazu und werde angenommen.“
- Autonomie: „Ich erlebe mein Handeln als selbstbestimmt.“
Werden diese Bedürfnisse unterstützt, begünstigt das selbstbestimmte Motivation. Intrinsische Motivation entsteht dadurch aber nicht automatisch bei jeder Aufgabe. Autonomie bedeutet zudem mehr als Wahlfreiheit. Ein Kind kann eine angeleitete Aufgabe als selbstbestimmt erleben, wenn es deren Bedeutung versteht und sich nicht unter Druck gesetzt fühlt (Deci & Ryan, 1993; Ryan & Deci, 2000).
Für die Unterrichtsgestaltung folgt daraus beispielsweise, echte Entscheidungsmöglichkeiten anzubieten, erreichbare Herausforderungen zu schaffen und Fortschritte sichtbar zu machen.
Ist offener Unterricht besser?
Einen wichtigen Befund liefern Alfieri et al. (2011). Ihre beiden Metaanalysen auf Grundlage von 164 Studien unterscheiden zwischen unangeleitetem und unterstütztem entdeckendem Lernen:
- Unangeleitetes Entdecken war expliziter Unterweisung im Durchschnitt unterlegen.
- Unterstütztes entdeckendes Lernen, beispielsweise mit Rückmeldungen, Lösungsbeispielen und gezielten Hilfen, zeigte im Durchschnitt Vorteile gegenüber den jeweiligen Vergleichsbedingungen.
Untersucht wurde hier entdeckendes Lernen, nicht jede Form offenen Unterrichts. Der Befund verdeutlicht dennoch, warum selbständige Auseinandersetzung und Unterstützung gemeinsam betrachtet werden müssen.
Selbständigkeit muss aufgebaut werden. Besonders bei wenig Vorwissen können Erklärungen, überschaubare Arbeitsschritte und Rückmeldungen notwendig sein. Wie viel Unterstützung ein Kind benötigt, hängt dabei auch vom jeweiligen Thema ab.
Wie unterstützt Scaffolding das Lernen?
Scaffolding bezeichnet ein vorübergehendes Unterstützungsgerüst. Die Hilfe ermöglicht eine Bearbeitung, die dem Kind allein noch nicht gelingt. Mit wachsender Sicherheit wird sie zurückgenommen.
Solche Unterstützung kann beispielsweise aus einer vorgemachten Vorgehensweise, gezielten Fragen oder einer gegliederten Aufgabe bestehen. Der Begriff geht auf Wood, Bruner und Ross (1976) zurück.
Offene Arbeitsphasen verlangen damit eine aktive Lehrkraft. Sie beobachtet, erkennt Schwierigkeiten und entscheidet, welche Hilfe gerade notwendig ist.
Stationenlernen und Wochenplanarbeit
Beide Formen können Freiräume eröffnen. Wie offen sie sind, hängt von ihrer Gestaltung ab.
Beim Stationenlernen bearbeiten die Kinder vorbereitete Lernangebote. Reihenfolge, Aufgabenwahl, Sozialform und Bearbeitungszeit können unterschiedlich stark vorgegeben sein. Pflicht- und Wahlstationen sind eine Möglichkeit der Gestaltung.
Die Wochenplanarbeit bündelt Aufgaben für einen vereinbarten Zeitraum. Die Kinder können je nach Gestaltung über Reihenfolge, Zeiteinteilung, Zusammenarbeit oder Aufgaben mitentscheiden. Sie bietet damit Gelegenheit, die Planung und Überprüfung des eigenen Arbeitens zu üben.
Wie hängt das mit Differenzierung zusammen?
Differenzierung berücksichtigt unterschiedliche Lernvoraussetzungen durch unterschiedliche Angebote. Dumont (2019) unterscheidet unter anderem folgende Formen:
- Quantitativ: Aufgabenumfang oder Bearbeitungszeit
- Qualitativ: Schwierigkeitsgrad oder Lernziele
- Methodisch: Vorgehensweisen und Aufgabenformate
- Medial: Materialien und Darstellungen
- Inhaltlich: Themen oder Aufgabeninhalte
Die Formen können miteinander verbunden werden. Beispielsweise können Kinder dasselbe Thema mit unterschiedlichen Materialien und verschieden anspruchsvollen Fragen bearbeiten.
Sind leistungsähnliche Gruppen eine Lösung?
Hier muss zwischen dauerhaft getrennten Leistungsklassen und zeitweiligen, auf bestimmte Lernbereiche bezogenen Gruppen unterschieden werden.
Slavin (1987) fand in seiner Forschungssynthese für Grundschulen keine durchschnittlichen Leistungsvorteile der dauerhaften Einteilung in leistungsbezogene Klassen. Für bestimmte fachbezogene Gruppierungen und leistungsbezogene Gruppen innerhalb einer Klasse zeigten sich dagegen Vorteile. Günstig waren unter anderem die regelmäßige Überprüfung der Zuordnung und die tatsächliche Anpassung des Unterrichts.
Daraus folgt weder „Leistungsgruppen bringen nichts“ noch „Homogene Gruppen sind besser“. Die Frage ist, wofür die Gruppen gebildet werden, wie durchlässig sie sind und welchen Unterricht sie erhalten.
Individualisierung darf gemeinsames Lernen nicht verdrängen
Individualisierung berücksichtigt die Voraussetzungen des einzelnen Kindes. Daraus folgt aber nicht, dass jedes Kind ständig allein an einem eigenen Aufgabenpaket arbeiten muss.
Klippert (2010) betont das Lernen in wechselnden Zusammensetzungen an gleichen oder ähnlichen Aufgaben. Kinder sollen sich gegenseitig unterstützen und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen.
Ein selbst gewähltes Beispiel wäre eine gemeinsame mathematische Problemstellung in der dritten Klasse. Die Kinder erhalten bei Bedarf unterschiedliche Hilfsmittel und besprechen anschließend ihre Lösungswege. Individuelle Unterstützung und gemeinsames Nachdenken ergänzen sich.
Quellen
- Alfieri, L., Brooks, P. J., Aldrich, N. J. & Tenenbaum, H. R. (2011). Does discovery-based instruction enhance learning? Journal of Educational Psychology, 103(1), 1–18.
- Bohl, T. & Kucharz, D. (2010). Offener Unterricht heute. Konzeptionelle und didaktische Weiterentwicklung. Weinheim/Basel: Beltz.
- Chi, M. T. H. & Wylie, R. (2014). The ICAP framework. Linking cognitive engagement to active learning outcomes. Educational Psychologist, 49(4), 219–243.
- Deci, E. L. & Ryan, R. M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), 223–238.
- Dumont, H. (2019). Neuer Schlauch für alten Wein? Eine konzeptuelle Betrachtung von individueller Förderung im Unterricht. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 22, 249–277.
- Klippert, H. (2010). Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Weinheim/Basel: Beltz.
- Meyer, H. & Junghans, C. (2021). Unterrichtsmethoden II. Praxisband. 17., komplett überarbeitete Neuauflage. Berlin: Cornelsen.
- Slavin, R. E. (1987). Ability grouping and student achievement in elementary schools. A best-evidence synthesis. Review of Educational Research, 57(3), 293–336.
- Wiater, W. (2014). Unterrichtsprinzipien. 6., überarbeitete Auflage. Donauwörth: Auer.
- Wood, D., Bruner, J. S. & Ross, G. (1976). The role of tutoring in problem solving. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17(2), 89–100.